Liebe Leserinnen, lieber Leser

 

auf dieser Seite möchte ich Ihnen mein BunkerBeats Projekt vorstellen, ein Bandprojekt mit Flüchtlingen und Musikern von hier.

In meiner Stadt Karlsruhe haben wir uns zusammen gefunden, um an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten: als Band aufzutreten.

In unseren Bandvideos stelle ich Ihnen die Musiker vor und zeige, wie wir uns entwickelt haben, welche Schwierigkeiten wir hatten und ob wir es geschafft haben, ein Konzert zu spielen.

Viel Spaß auf der Seite! Wenn Sie Fragen oder Anmerkungen haben freue ich mich auf ihre Emails und Kommentare!

 


Kapitel 1: Sprache      Kapitel 2: Trauma      Kapitel 3: Profiband oder soziales Projekt?      Kapitel 4: Begegnungen      Kapitel 5: Abschied

1. Kapitel Sprache

 

Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen

Oscar Wilde

Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem fremden Land und keiner versteht Sie. Sie müssen Formulare ausfüllen – in einer Sprache, die Ihnen fremd ist. Diese Situation erleben viele Flüchtlinge in Deutschland. Die Sprache ist der Beginn einer Kommunikation und Grundlage einer Integration. Auch für die Kommunikation innerhalb der Band spielt Sprache eine Rolle. Deswegen widmet sich das erste Kapitel des BunkerBeats Magazin diesem Thema.

Das Gefühl ‚sprachlos‘ zu sein, löst in vielen eine Art Ohnmacht aus. Wenn die Flüchtlinge ankommen stellen sich viele der Herausforderung Deutsch zu lernen. Nicht nur, um bürokratische Hürden zu meistern, sondern auch, um Anschluss in einer neuen Gesellschaft zu finden. Sie setzen sich oft unter Druck und haben hohe Ansprüche an sich selbst. Doch werden sie anfangs vom Staat nicht in ihrem Lernprozess unterstützt. Der Staat bietet Deutschunterricht nur für asylberechtigte Flüchtlinge an.

Es gibt eine große Anzahl an Freiwilligen, die Deutsch für Flüchtlinge unterrichten. Zum Beispiel gibt es in Karlsruhe Deutschunterricht beim Mennonitischen Hilfswerk. Dort unterrichte ich seit einem halben Jahr. Es gibt mehrmals wöchentlich Kurse, in die man jederzeit einsteigen kann. Hier lernen die Flüchtlinge ein Erste-Hilfe-Deutsch mit dem notwendigsten Vokabular. Unter anderem, wie nach dem Weg fragen kann oder beim Arzt erklärt, welche Beschwerden man hat.
Durch diese Einrichtung habe ich Marianne kennengelernt. Wir sind beide Niederländer. Aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und sie in Holland. Für sie ist Deutschland nicht ihre Heimat und sie hat gemeinsam mit ihrem Mann zwischen 1979 und 1993 in Afghanistan, Tansania, Äthiopien und Botswana gelebt. Sie hat selbst erlebt, wie es ist, in der Fremde zu leben. Ihr gefällt es, den Flüchtlingen bei ihrem Start in Deutschland zu helfen und sie ist immer wieder aufs Neue gespannt, was sie erwartet.

 

 

Wenn Sie Deutsch als Fremdsprache unterrichten möchten, ist das Mennonitische Hilfswerk eine mögliche Anlaufstelle.
Weitere Möglichkeiten, Sprachunterricht anzubieten, gibt es direkt bei den Asylheimen und in Zukunft auch über das Kit.

In Bezug auf die Band bedeutete das Thema Sprache: Wie können wir miteinander reden? Werden alle kommen, wenn ich ihnen schreibe?

Wie wir das Kommunikationsproblem gelöst haben und warum das Wort Bunker im Bandname enthalten ist, erfahren Sie im Video:

 

 

Wir haben den Bunker von einer Privatperson zur Verfügung gestellt bekommen. Hier können Sie eine nette Email vom anonymen Spender lesen.

 


Kapitel 1: Sprache      Kapitel 2: Trauma      Kapitel 3: Profiband oder soziales Projekt?      Kapitel 4: Begegnungen      Kapitel 5: Abschied

2. Kapitel: Trauma

 

Flüchtlinge sind psychisch oft sehr belastet. Gründe für Traumata sind unter anderem Diskriminierung, Verfolgung, der Verlust der Heimat und die Unsicherheit während des Asylverfahrens.

Das Deutsche Ärzteblatt geht davon aus, dass 40% der Flüchtlinge traumatisierende Erlebnisse mitgemacht haben. Dr. med. Katharina Corrinth ist Psychologin beim Verein zur Unterstützung traumatisierter Migranten, welcher im Jahr 2014 insgesamt 353 Patienten betreut hat.

Die Flüchtlinge, die in unserer Band mitspielen sind in Karlsruhe noch nicht an ihrem Ziel angekommen, sondern immer noch auf der Durchreise. Sie haben keinen Alltag und auch keine Kapazitäten, um sich an etwas zu binden. Das habe ich gemerkt, als ich neue Flüchtlinge für die Band einladen wollte: Für die Flüchtlinge stehen meist elementarere Themen im Vordergrund: Wo werde ich als nächstes leben? Wie lange dauert es, bis über meinen Asylantrag entschieden wird? Für viele Flüchtlinge ist es noch zu früh, um an Freundschaften und Hobbies denken zu können. Auch die Begegnung mit Flüchtlingen aus anderen Ländern ist für sie weniger interessant, sondern eher anstrengend, da sie in den Heimen auf geringem Raum viel Zeit mit anderen Flüchtlingen verbringen. Dr. Katharina Corrinth erklärt mir, dass die Flüchtlinge untereinander auch Konkurrenten sind. Zum Beispiel fühlen sich die Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien schlechter behandelt, weil syrische Flüchtlinge schneller Transfers bekommen und nicht zurückgeschickt werden.

Das ist nicht, dass sie sich dann interessieren: was erleben die aus Syrien, sondern mehr, wie krieg ich auch mein Recht? Wie kann auch ich hier einen Transfer bekommen?

In der Band ist es so, dass sich alle sehr gut verstehen. Aber es gibt immer Gruppierungen von Bandmitgliedern aus denselben Herkunftsländern. Das ist verständlich, denn sie sprechen dieselbe Sprache und teilen eine Kultur. Durch das Gespräch mit Dr. Katharina Corrinth ist mir bewusst geworden, dass die Flüchtlinge andere Bedürfnisse haben, als neue Flüchtlinge kennenzulernen. Jeder hat selber erst einmal genug zu verarbeiten und möchte sich nicht noch mit den schlimmen Schicksalen der Anderen belasten.

Auch die Flüchtlinge aus der BunkerBeats Band haben furchtbare Dinge in ihren Heimatländern und auf ihrer Reise nach Deutschland erlebt. Im folgenden Video stellen sich Hussam, Wessam, Bailor, Buba und Mohammed – Flüchtlinge aus der Band, vor.

 

 

Nach einer Statistik des Vereins zur Unterstützung traumatisierter Flüchtlinge von 2014 litten von insgesamt 353 Patienten 115 an Depressionen, 103 an einer posttraumatische Belastungsstörung und 79 an Anpassungsstörungen.

Kulturspezifische Krankheiten gibt es nicht.

Typische Traumafolgestörungen, die posttraumatischen Belastungsstörungen, die ähneln sich […] in allen Ländern,

so Dr. Katharina Corrinth. Die Flüchtlinge leiden oft unter „Intrusionen“ oder auch „Flashbacks“ genannt. Bei dieser Krankheit erleben die Betroffenen immer wieder die traumatisierende Situation, die sie in ihrem Heimatland oder auf der Flucht erlebt haben. Viele Patienten bekommen Flashbacks wenn sie schlafen gehen, haben Alpträume davon. Oft bekommen sie „Flashbacks“ auch durch Auslöser wie eine Schlägerei, Polizeisirenen oder Kriegsaufnahmen in den Nachrichten. Viele vermeiden Situationen, in denen sie Intrusionen bekommen würden. Betroffene vermeiden es zum Beispiel, sich Nachrichten aus ihrer Heimat anzusehen.

Zur posttraumatischen Belastungsstörung gehört oft auch eine Übererregbarkeit. Ständige Anspannung, schreckhaftes Verhalten, Reizbarkeit.

Viele Frauen sagen dann auch, dass sie ihre Kinder anschreien oder schlagen und es tut ihnen furchtbar leid hinterher. Aber sie können im Moment gar nicht anders.

2011 begann Dr. Katharina Corrinth ihre Tätigkeit. Damals hat sie 50 Patienten im Jahr betreut. Mittlerweile hat Dr. Katharina Corrinth noch eine Kollegin bekommen. Letztes Jahr waren es 353 Patienten und das Telefon klingelt immer öfter…
 

 

Wenn Sie mehr wissen möchten über den Verein zur Unterstützung traumatisierter Migranten oder Spenden möchten, finden Sie weitere Informationen auf: www. traumatisierte-migranten.de.

 

 


Kapitel 1: Sprache      Kapitel 2: Trauma      Kapitel 3: Profiband oder soziales Projekt?      Kapitel 4: Begegnungen      Kapitel 5: Abschied

3. Kapitel: Profiband oder soziales Projekt?

 

Was braucht man für eine Band? Musiker, Instrumente, einen Proberaum und einen Auftritt.

Soviel wusste ich. Da ich aber bis dahin keine Banderfahrung hatte war ich mir nicht sicher, ob ich etwas vergessen hatte. Dass dem so war, wusste ich spätestens nach der ersten Probe: Das musikalische Level der Musiker ist sehr unterschiedlich. Manche sind wirkliche Profis auf ihrem Gebiet und andere sind dabei, ihre ersten Schritte zu machen.

Was man außerdem beachten sollte, ist, dass die Instrumente in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Bedeutungen und Spielweisen haben. Kann ein afrikanischer Trommler im ¾ Takt begleiten oder kann ein afghanischer Klagegesang auf den Rhythmus des Schlagzeuges gesungen werden?

 

 

Bella Kublanova hat Querflöte an der Hochschule für Musik Karlsruhe studiert. Mittlerweile spielt und unterrichtet sie als professionelle Musikerin. In den Proben hat sie öfters gesagt:

We need to be together.

Das war bezogen auf den Takt. Denn es ist nicht gelungen, dass die Band einen gemeinsamen Rhytmus gefunden hat. Bella hat das Projekt aus Sicht einer professionellen Musikerin erlebt und durch ihre Begabung bereichert. Welche Erfahrungen sie gemacht hat sehen Sie in folgender Audio-Slide Show.

 

 

 


Kapitel 1: Sprache      Kapitel 2: Trauma      Kapitel 3: Profiband oder soziales Projekt?      Kapitel 4: Begegnungen      Kapitel 5: Abschied

4. Kapitel: Begegnungen

 

Das Projekt habe ich eigentlich mit dem Gedanken gestartet, dass die Flüchtlinge und die Karlsruher Musiker sich am einfachsten auf einer musikalischen Ebene begegnen. Durch die häufig wechselnde Besatzung in den Proben hat sich das Konzept des Projektes jedoch geändert: Wir begegnen uns, unabhängig von der Musik. Vielleicht hilft uns das dabei, eine gute Band zu werden.
 

 

Hier finden Sie Songtexte und ihre Aussprache, die die Flüchtlinge in ihrer Muttersprache aufgeschrieben haben.

 


Kapitel 1: Sprache      Kapitel 2: Trauma      Kapitel 3: Profiband oder soziales Projekt?      Kapitel 4: Begegnungen      Kapitel 5: Abschied

5. Kapitel: Perspektive

 

Es ist etwas passiert, von dem ich immer wusste, dass es hätte passieren können, aber zu keinem Zeitpunkt damit gerechnet habe, dass es passieren wird: Die Flüchtlinge verlassen Karlsruhe. Alle Flüchtlinge aus der Band haben einen Transfer in eine andere Stadt bekommen. Normalerweise stellen die Flüchtlinge erst ihren Asylantrag, bevor sie in andere Landkreise verlegt werden. Woran es liegen kann, dass die Flüchtlinge jetzt sogar vor ihrem erhaltenen Asylantragstermin verlegt werden, weiß Arcangela Ranieri vom Freundeskreis Asyl Karlsruhe.
 

 
Neben der Unsicherheit ist das Schlimmste für die Flüchtlinge die Untätigkeit. In Deutschland dürfen Flüchtlinge in den ersten drei Monaten nicht arbeiten und auch danach nur sehr eingeschränkt. Flüchtlinge dürfen eine Arbeitsstelle nur mit Zustimmung des Ausländeramtes annehmen und müssen sich an bestimmte Restriktionen halten. Beispielsweise dürfen sie nicht mehr als acht Stunden pro Woche arbeiten und es gilt die sogenannte Vorrangprüfung. „Die Vorrangprüfung ist ein Schutz für den Arbeitgeber“, erklärt mir Arcangela Ranieri. „Es wird überprüft, ob es für die Stelle, auf die sich ein Flüchtling bewirbt, keinen deutschen oder europäischen Staatsbürger gibt, der sie besetzen könnte“. Manche Flüchtlinge haben trotzdem Glück. Eine muslimische Familie war auf der Suche nach einem Pfleger und engagierte für diese Stelle bevorzugt einen muslimischen Pfleger aus dem Sudan.
Das ist eine Ausnahme. Für die meisten Flüchtlinge ist Arbeit zu finden wirklich schwer und funktioniert nur, wenn man in einem sehr gesuchten Berufsfeld, wie zum Beispiel der Altenpflege arbeiten kann, besser qualifiziert ist oder sich besser eignet, so wie der muslimische Pfleger für die muslimische Familie.
Die Talente, Motivation und Qualifikation tausender Flüchtlinge liegen brach. Den Flüchtlingen sind die Hände gebunden. Sie sind oft frustriert, dass sie nichts tun können.

Wer waren die Flüchtlinge in ihrer Heimat? Als was haben Sie dort gearbeitet? Hier Können Sie es vermuten?

 

Ich hoffe, dass die Flüchtlinge aus der Band etwas anderes erleben. Noch weiß ich nicht, wie es ihnen ergehen wird. Im letzten Video nehme ich Abschied von Hussam und Wessam und Sie erfahren, wie es mit den Flüchtlingen aus der Band weiter geht und welche Perspektiven sie haben.
 

 
Wenn Sie mehr zu den Themen Flüchtlinge, Ehrenamt und Flüchtlingsbands erfahren möchten, finden sie hier interessante Links zum Thema.

Freizeitgestaltung ist ein Element, das ein Gefühl von Alltag vermittelt und Flüchtlingen helfen kann, Kontakte zu knüpfen und Deutsch zu lernen. Mein Projekt war nicht das erste Bandprojekt mit Flüchtlingen und wird auch hoffentlich nicht das letzte sein…